Portrait über Lars Schluenzen - SRSP01 Semesterarbeit
Zwischen Urwald und Studioboxen
Lars Schlünzen erlebt zwischen dem Alltagsstress der Schweiz und dem Urwald Südamerikas eine Reise, die zu ihm selbst führt. Er darf die tollsten und furchterregendsten Erfahrungen seines Lebens machen.
Schüsse durchbrechen die Stille
Es ist dunkel, die letzten Sonnenstrahlen vergolden die Baumwipfel des kolumbianischen Urwalds, dann durchbrechen Schüsse die idyllische Atmosphäre. Lars kauert mit seinen Reisekumpanen, Kerzen in den Händen haltend, am Boden des Hostels. In der Umgebung findet die Razzia einer Drogenbande statt. Man soll sich bedeckt halten und keine Aufmerksamkeit erregen, wird ihnen gesagt. «Da schläfst du drei Tage nicht mehr vor Angst,» entgegnet mir Lars und blickt nachdenklich an mir vorbei, dann grinst er und meint: «Jetzt kommt mir das alles so surreal vor». Diese und viele andere atemberaubende Erlebnisse durfte Lars auf seiner zehnmonatigen Südamerikareise durchmachen. Von einigen erzählte er mir bei unserem Interview.
Wir treffen uns an einem Montag nach dem Unterricht in einem der Gruppenräume, tratschen, bevor wir loslegen, noch etwas unbefangen, und ich probiere, mir ein Bild von dem Herrn zu machen, der mir gegenübersitzt. Ein grosser, gepflegter Mann, der auf Aussehen, Auftreten und Frisur achtet und mit einer gewissen Leichtigkeit den Raum beflügelt. «Ich glaube, in meinem Kopf ist gerade ziemlich Zen-Modus,» erwähnt er leicht schmunzelnd, als er davon erzählt, wie er das Kennenlernen zum Start seines Studiums empfand. Lars Schlünzen ist 27 Jahre alt und hat vor Kurzem mit seinem Multimedia Production Studium begonnen. Doch auch Lars war nicht immer der, der er heute ist. «Ich habe nie wirklich realisiert, dass es andere Menschen gibt, die mich lieben können,» erzählt er im Gespräch.
Aller Anfang ist schwer
Lars wächst in einem kleinen Vorort von Bern auf, in einer Familie, die ihn sehr liebt. An die Unterstufenzeit erinnert er sich nur ungerne zurück. Denn hier ereilt ihn das gleiche Schicksal wie viele besondere Personen. Er wird ausgegrenzt und gehänselt. Zum einen, weil er halb deutscher Abstammung und zum anderen, weil er eher sensibel und ruhig ist. Die Gründe sind egal sagt er, es gibt immer irgendetwas, das die Leute finden. An was er sich dafür gern erinnert, ist seine kleine Schwester. Als mittleres Kind der Familie Schlünzen bekommt Lars mit 8 Jahren ein kleines Schwesterlein geschenkt. Ab da an war die Frage nur noch, wann kommt Lars von der Schule nachhause zum Spielen. «Mit acht, neun Jahren hast du noch nicht so viele Freunde, also habe ich immer was mit ihr gemacht,» teilt Lars mir schon fast tagträumerisch mit, seine Augen glänzen beim Gedanken an diese Zeit.
Harmonien kommen auf
Erst in der Oberstufe kann Lars schulisch aufatmen. Plötzlich werden seine ehemaligen Peiniger gemobbt, weil sie Rassisten sind. Eine Tatsache, die ihn nicht freut, die ihm allerdings aufzeigt, dass sich Dynamiken mit einem Flügelschlag ändern können. Als Baby ist Lars schon von Musik umgeben; sein Vater hört gern mit ihm und seinem Bruder auf dem Arm zusammen Schallplatten. «Das ist, was uns verbindet: die Platte. Ja, das hat dort schon angefangen mit Harmonien und Melodien, das Ganze ein bisschen zu fühlen, auf eine ganz intensive Art.» Aus diesem Funken der Leidenschaft wurde über die Jahre ein loderndes Feuer. So fängt Lars früh mit dem Geigespielen an, weil das seinen Eltern viel Freude bereitet. Im Teenageralter merkt er, dass ihm die Geige nicht ausreicht, und bringt sich selbst das Gitarre- und Klavierspielen bei. Lars beginnt das Gymnasium, bricht es allerdings nach kurzer Zeit wieder ab. Er sehnt sich nach einer Herausforderung und beginnt eine Lehre als Mediamatiker, die den Grundstein für sein Studium legt.
Das Studio in Bern
In der Berufsschule lernt er einen Musiker kennen und befreundet sich direkt mit ihm. Die beiden gründen zusammen mit zwei anderen Kollegen ein Studio am Bahnhof Bern. Die Idee ist es, Rapmusik zu erschaffen und anderen das Gleiche zu ermöglichen. Der Plan geht auf: Sie arbeiten mit vielen Leuten zusammen, schreiben Texte, produzieren. Nach dem Militär, das Lars durchdiente, wird es ihm nach einiger Zeit zu bunt. Erneut braucht er eine neue Herausforderung. «Ich wollte nicht am Nachmittag um zwei Uhr aufstehen und nicht wissen, was ich heute mache. Für mich war klar: Entweder brauche ich jetzt fest strukturierte Tage und einen neuen Job, oder ich gehe reisen.» Es wurde das Reisen. Lars beginnt das Gymnasium, bricht es allerdings nach kurzer Zeit wieder ab. Er sehnt sich nach einer Herausforderung und beginnt eine Lehre als Mediamatiker, die den Grundstein für sein Studium legt.
Das Abenteuer beginnt
Lars bucht sich ein Ticket nach Costa Rica; er reist zunächst mit einem Freund aus dem Militär. Die beiden sind vier Monate in Kolumbien unterwegs, bis sich auf Höhe von Ecuador ihre Wege trennen, da seinem Kollegen das Geld ausgeht und dieser zurückfliegt. Lars macht also allein weiter. «Das ist Leben,» sagt er mit eifrigem Unterton. «Ich habe einfach gelebt. Leute gefragt, ob ich auf ihrem Land mein Lager aufschlagen darf. Zelt aufstellen, Wäscheleine spannen, ein Feuer anmachen und geniessen.» Lars lebt in den Tag hinein, weiss heute nicht, wo er morgen sein wird, aber er hat immer was zu tun. Er lernt viele Leute kennen, bildet Freundschaften und lernt jeden Tag aufs Neue schätzen. Vor allem eines lernt Lars beim Reisen: sich selbst kennen, sagt er mit einem Schmunzeln, das in ein Lachen hinübergeht und dem Stereotyp entsagt.
Das Ende naht
Die Reise findet leider ein abruptes Ende. Lars' Grossmutter verstirbt. Lars macht sich auf den Heimweg. Er reist direkt nach Deutschland zur Beerdigung. Das Erste, was ihm auffällt: «Krass, wie privilegiert wir es hier haben.» Er befindet sich in der Eifel, in einem Touristengebiet, umringt von Luxus-Shops. «Wozu all das?», entgegnet er mir mit starrem Blick. Er denkt darüber nach, wie krass sich das Leben, von dem auf Reisen unterscheidet. Der Tod seiner Oma geht ihm zwar nah, aber er kommt damit gut klar. Die Kluft zwischen dem Leben auf Reisen und seinem Alltag macht ihm eine Weile zu schaffen, sagt er. Aber eines hat er mitgenommen, meint er: Er hat sich in Situationen kennengelernt, die ihm so nie passiert wären, und das ist das Beste, das ihm passieren konnte.